tauben_schlucht

Die Taubenloch-Schlucht bei CH-2500 Biel-Bienne
Die Sage von der Taubenloch-Schlucht
So ist die Schlucht zu ihrem Namen "Taubenloch" gekommen: Auf einer Anhöhe über dem kühnen Fall der Schüss in die Klus von La Reuchenette hinunter trotzen die Mauerreste einer alten Burg. Dort oben auf dem Felsennest Rondchâtel herrschte zur Zeit der Kreuzzüge der Ritter Enguerrand. Auf seinen Kriegsfahrten unter fernen Himmelsstrichen hatte er gar rauhe Sitten angenommen, die machten ihn zum Schrecken der ganzen Gegend. Sarazenen, rohe, unbändige Gesellen, hatte er aus dem Morgenlande mitgebracht. Das waren nun seine Trossknechte, mit deren Hilfe er das Land unsicher machte. Bei Tag und bei Nacht überfiel er Gehöfte und Dörfer der Nachbarschaft, brannte sie nieder, erschlug die Männer und schleppte Frauen und Mädchen auf seine Burg. Das friedliche Volk im Tale wusste bald nicht mehr, wie es sich schützen sollte vor der Willkür seines grausamen Herrn.

An einem schönen Sommertag begab sich Walther, ein junger Müller aus Biel-Bözingen, nach Wülflingen (=CH-Vaufflin), um dort seine Braut zur Hochzeit abzuholen. Einige Freunde gingen mit, sie wollten dem jungen Paar nachher ins Heimatdorf das Geleite geben. Das junge Mädchen, das seiner Zierlichkeit und Schönheit wegen von den Dorfbewohnern Colombe, das Täubchen, genannt wurde, riet aus Furcht vor dem gewaltigen Schlossherrn, einen Umweg zu machen. Doch die munteren Burschen redeten ihr die Angst aus und schlugen, auf ihre Kraft und die derben Knüttel vertrauend, mit ihr den nächsten Pfad ein, der unter der Burg vorbeiführte. Es ist ja nicht weit nach Biel-Bözingen und mitten am hellen Tage, sagten sie. - Da bewegte sich etwas im Gehölz hinter ihnen. Und im nächsten Augenblick waren sie von einer starken Schar schwerbewaffneter Knechte umringt. Unter ihnen war der Ritter von Rondchâtel auf seinem weissen Hengst.

Ein Kampf mit dieser Überzahl war aussichtslos. "Mein ist das Mädchen!" schrie Enguerrand den Bräutigam an, und ohne ihm Zeit zu einer Antwort zu lassen steiss er den Jüngling vor den Augen seiner Verlobten mit dem Schwerte nieder.

Der Hartherzige befahl den schwarzen Schergen, das Mädchen gebunden abzuführen. "Sie soll uns im Schloss droben ein wenig Kurzweil machen", höhnte er noch, indem er seinem Schimmel die Sporen gab und bergauf ritt. Aber das Mädchen riss sich aus den Fäusten der Reisigen los. Sie blickte noch einmal auf ihren toten Verlobten und sprang in den Abgrund. Alsbald sahen die vor Staunen verstummten Trossknechte eine schneeweisses Täubchen aus der Gischt der brausenden Schüss emporflattern und im Himmelsblau entschwinden.

Die neue Untat des Herrn auf Rondchâtel erbitterte das Landvolk weit umher aufs tiefste. Man tat sich zusammen, und die Freunde Walthers, die geschworen hatten, den Mord zu rächen, sannen auf einen Plan, wie dem Bösewicht beizukommen wäre. Die Mannschaft der Stadt Biel zog samt den Bauern aus dem ganzen Tal in voller Kriegsrüstung heran und schloss die Wegelagerer von allen Seiten ein. Die Freunde des ermordeten Bräutgams warfen sich auf Enguerrand, der mit dem Schwerte wütend um sich hieb und zwei der Angreifer tötete. Zuletzt jedoch erspähte einer der Jünglinge von Bözingen eine Lücke im Harnisch des Ritters und rannte ihm blitzschnell seine Hellebarde in die Brust. Bald danach schlugen die Flammen aus der Raubburg von Rondchâtel.

Nach jener Zeit aber vernahmen die Wanderer auf dem Wege durch die Talenge just an der Stelle, wo die Jungfrau sich in die Flut gestürzt hat, den klagenden Ruf einer Taube, der aus dem schäumenden Grunde empordringt. Das ist die Stimme der unglücklichen Braut, die nicht will, dass man die verruchten Taten des Schlossherrn von Rondchâtel vergesse.